Dresdner Rede des Arkadischen Botschafters

Anlässlich der Eröffnung der OSTRALE Biennale O19,
03.07.2019 in der Historischen Tabakfabrik f6, Striesen-Dresden

Foto © Peter Fischer

Sehr geehrte...,

Sie wissen, wir leben in einer Zeit, die hoch komplex ist, um nicht zu sagen schwierig: Anwachsende Gewalt- und Zerstörungspotentiale einzelner Individuen, Gruppen oder Staaten, neu aufkommende Nationalismen – sogar in der Kunst (siehe Tellkamp oder Neo Rauch) -, wachsender Antisemitismus, Rechtsextremismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, sind nur einige der brennenden Gegenwartssproblematiken, die in Dresden beispielsweise mit der Pegida-Bewegung vertreten sind.

Debatten wie Gender und MeToo – wenn auch im Kern berechtigt und notwendig - führen zu neuen Formen von repressiver Moral und einem Political Correctness, der in Ismen, Sanktionen und Rigiditäten mündet und einen vorauseilenden Gehorsam zu Folge hat.

Ungebrochen ist derweil die Entwicklung der Kapitalmärkte, der ständigen Gewinnmaximierung, eines Wachstums- und Fortschrittglaubens, der längst absurd ist. Ich könnte diese Reihe fortsetzen. Ich glaube, Sie wissen alle, wovon ich spreche.
Die Ideallandschaft Arkadien, die ich als Botschafter vertrete, ist mit anderen Idealen verknüpft. Vergils Hirtengedichte sind verbunden mit der Vorstellung einer friedlichen Welt, in der die Menschen in Liebe und Harmonie müßig leben dürfen, ohne entfremdete Arbeit, ohne gesellschaftlichen Anpassungsdruck, ohne Krieg, frei von zivilisatorischen Zwängen, mit Frieden, mit Liebe im Sinne von sozialem Miteinander, mit einem Leben jenseits gesellschaftlicher Zwänge.

Dem Arbeitswahn, der nur notwendig ist, damit die Spirale der Gewinnmaximierung weiter funktioniert, steht der Müßiggang gegenüber. Bedeutet: Freiheitliches und selbstbestimmtes Handeln ganz im Sinne Kants.

Arkadien ist dabei mit Respekt und Würde anderen Menschen gegenüber verbunden.

Doch das offensichtlich zu tiefst in uns Menschen verankerte Prinzip der Rivalität führt zu immer schlimmeren Verhältnissen. Es geht um Macht und um permanent steigende Renditen. Die Welt wird dabei immer unwirtlicher. Viele Menschen bleiben auf der Strecke.

In Arkadien sind alle Menschen gleichwertig. Es gibt keine Aufteilung zwischen arm und reich. Geld spielt keine Rolle.

Als Arkadiens Botschafter rufe ich deshalb auf zu intervenieren. Eine geistige Revolte ist dringend notwendig! Wir müssen nachdenken über die derzeit vorherrschende Ökonomie, sie in Frage stellen und uns ihr nicht ständig unterordnen. Permanentes Wachstum kann kein unumstößliches Glaubensbekenntnis bleiben! Die durch das ökonomische System zwanghaft am Leben gehaltene Warenwelt erzeugt lediglich Wettkämpfe und Ängste, die wiederum zu gesellschaftlichen Zwängen führen, zu Stressfaktoren im Lebensalltag, der zudem auf allen Ebenen - ökonomisch wie psychisch - immer instabiler wird. Es sind auch wirtschaftliche Aspekte, die zu Gewalt und Krieg führen, denn das Prinzip des Stärkeren ist dem Kapitalismus immanent. Wir müssen nachdenken über Hierarchie und Sozialsysteme, über Grundsicherung, über falsche Privatisierungen, über die Aufgaben des Gemeinwohls.

Kunst und Wissenschaft können nur arkadisch begriffen werden, als freie Experimentierfelder und Laboratorien. Es ist Aufgabe der Künste, die in Arkadien beheimatet sind, Interventionen, Sabotagen, Fragezeichen und Stachel in die Welt zu setzen.

Es ist Zeit aufzurütteln. Ich rufe deshalb auf zum kollektiven Müßiggang! – und ich wiederhole mich: zu einer geistigen Revolte!

Tut einfach nichts, verweigert Euch, seid faul und müßig!

Es ist unsere gemeinsame Aufgabe, die Welt neu zu gestalten.

Arkad Arkad

(Festrede des Performance-Künstlers Peter Kees, dessen Werk "Arkadische Landnahmen"
in der Ausstellung der OSTRALE Biennale O19 zu sehen ist.)