The African Tree

“Der beste Moment, einen Baum zu pflanzen, war vor zwanzig Jahren.
Der zweitbeste ist jetzt.”
Afrikanisches Sprichwort

Obwohl seit dem Ende der Apartheid 1994 in Südafrika und in Folge der fortschreitenden Globalisierung eine lebendige afrikanische Kunstszene entstand, ist der Kunstbetrieb in Afrika noch immer eine kleine Welt, in die Fremde nur begrenzt Zutritt haben: “In den vergangenen fünfzehn Jahren wurde zwar darauf geachtet, dass Kunst aus Afrika ausgestellt wird – aber immer noch viel zu wenig, weil die westliche Kunstproduktion den Markt bestimmt,” sagt Julia Grosse, Chefredakteurin von “C&”.

Dennoch ist die afrikanische Kunst in den letzten Jahren mehr und mehr ins Bewusstsein Europas gedrungen, sagt der aus dem Sudan stammende Kunsthistoriker Salah Hassan von der amerikanischen Cornell University: “Ich denke, das liegt an einer neuen Offenheit in Europa, aber auch daran, dass die Kunst in Afrika so stark ist. Eines Tages wird man nicht mehr von ‘zeitgenössischer amerikanischer Kunst’ und von ‘zeitgenössischer afrikanischer, europäischer oder asiatischer Kunst’ sprechen. Man wird nur noch von ‘zeitgenössischer Kunst’ sprechen. Denn Kunst hat viel weniger mit einer Technik zu tun als mit einem Sinn.”

Afrikanische bildende Kunst befindet sich heute nicht mehr nur in der Peripherie des weltweiten Kunstbetriebs und schlägt einen spannenden Bogen zwischen Tradition und Zeitgenossenschaft, zwischen Angst und Hoffnung, Zerstörung und Fortschritt. Afrikanische Künstler durchmischen in ihren Arbeiten die Traditionen des globalen Kunstdiskurses, ohne dabei jedoch ihre eigenen Wurzeln aus den Augen zu verlieren, so Marcel Odenbach. “Sie arbeiten viel mit Video, Fotografie, Performance oder Internet. Grenzen von Mode, Theater, Film verwischen.” Solche neuen Präsentationsformen und engagierte Kunst haben nicht nur eine größere Relevanz, sondern auch eine größere Aussicht auf Finanzierung und Wirkung im Land als Malerei, “die eh dort keiner kauft”.

Die OSTRALE – Internationale Ausstellung zeitgenössischer Künste – nähert sich der Thematik in einer dreijährigen Ausstellungsreihe. Bezugnehmend auf das 2009 von der Afrikanerin Dambisa Moyo publizierte Buch DEAD AID, welches auf die Absurdität und Destruktivität der Entwicklungshilfe in den afrikanischen Ländern hinweist, steht diese unter dem Titel TOTE HILFE.

Die OSTRALE wirft in den kommenden drei Jahren einen (selbst-) kritischen Blick auf postkoloniale Strukturen, bemüht sich um differenzierte Perspektiven und schafft eine Plattform für zeitgenössische afrikanische KünsterInnen.

Unter dem Leitgedanken „The African Tree“ liegt der Fokus des Jahres 2015 zunächst auf Nord-, West- und Zentralafrika. Die OSTRALE´O15 betrachtet unter anderem Marokko, das in den vergangenen Jahren ein vergleichsweise fortschrittliches und stabiles politisches System etablieren konnte – aber auch Länder wie Mali, Nigeria, Sierra Leone und den Kongo, in denen partieller Islamismus, immer wiederkehrende Hungersnöte und Bürgerkriege den Lebensalltag der Menschen bestimmen.

Die Fragen- und Zielstellungen der Ausstellungsreihe lassen sich im Ansatz wie folgt beschreiben: Wo und was ist die Kunst im afrikanischen Kosmos? Welches Potential hat die Kunst für die gesellschaftliche Entwicklung? Wie gestaltet sich die Verbindung zwischen Kunst, Integration und der afrikanischen Erfahrung?